Bank setzt auf Rüstungsgeschäft - "Erhebliches Potenzial"
Im Handelsblatt-Interview spricht Risikovorstand Bernd Spalt über die Finanzierung von Verteidigungsprojekten, Wachstumschancen und den Ausstieg aus dem Russlandgeschäft.
Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Handelsblatt GmbH
20.03.2025
Die Bundesregierung will die Schuldenbremse für höhere Verteidigungsausgaben lockern. Viele Geldhäuser halten sich mit Finanzierungen im Rüstungssektor bisher jedoch zurück - unter anderem, weil diese von der EU nicht als nachhaltig eingestuft worden sind. Spalt fordert, die Regeln zu ändern, um "entsprechend dem veränderten Bedarf" mehr Rüstungsfinanzierungen zu ermöglichen.
Darüber hinaus macht der Risikovorstand deutlich, dass sich die Commerzbank auch im Fall eines Waffenstillstands in der Ukraine aus Russland zurückziehen will. "Ein Verkauf ist die beste Option", sagt Spalt. "Aber das ist aufgrund der Sanktionen nicht trivial."
Lesen Sie hier das vollständige Interview mit Bernd Spalt:
Herr Spalt, Deutschland und Europa wollen massiv aufrüsten angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine und Amerikas Abwendung von Europa. Viele Rüstungsfirmen klagen jedoch, dass sie nur sehr schwer an Bankkredite kommen. Wie geht die Commerzbank mit dem Thema um?
Mittlerweile sollte klar sein, dass ein verteidigungsfähiges Europa ein erstrebenswertes und notwendiges Ziel ist. Die Commerzbank finanziert bereits seit langer Zeit die Verteidigungsindustrie. Wir sind bereit, dieses Geschäft in den kommenden Jahren auszubauen.
Finanzminister Jörg Kukies hat Anfang März gefordert, viele Banken müssten ihre Skepsis, mit der sie auf den Rüstungssektor blickten, überwinden. Fühlen Sie sich angesprochen?
Wir haben die Notwendigkeit einer Verteidigungsbereitschaft stets betont und uns entsprechend klar positioniert. Im aktuellen Kontext sehen wir im Verteidigungssektor erhebliches Potenzial - in einer insgesamt kaum wachsenden Wirtschaft. Das betrifft Exportfinanzierungen, Projektfinanzierungen, Betriebsmittelfinanzierungen für eine erhöhte Produktion sowie die Beratung bei Fusionen und Übernahmen. Wir sind nämlich überzeugt, dass es im europäischen Rüstungssektor zu einer Konsolidierung kommen wird.
Die französischen Banken gehen mit dem Thema Rüstung schon länger offensiv um und nennen auch Zahlen. BNP Paribas hat nach eigenen Angaben zwölf Milliarden Euro für die Verteidigungsbranche bereitgestellt, inklusive Luftfahrt sogar 24 Milliarden. In welcher Größenordnung bewegt sich die Commerzbank?
Unser Engagement liegt aktuell im einstelligen Milliardenbereich.
Ist es Ihr Ziel, mittelfristig den zweistelligen Milliardenbereich zu erreichen?
Ich will nicht ausschließen, dass wir diese Marke mittelfristig erreichen können. Das wird auch davon abhängen, ob die von Union und SPD geplanten Ausgaben für Verteidigung tatsächlich getätigt werden. Wir müssen zudem abwarten, wie schnell die Rüstungsindustrie ihre Kapazitäten hochfahren kann.
Muss die Commerzbank ihre Richtline für Rüstungsfinanzierungen ändern, um in dem Geschäft stärker wachsen zu können?
Unsere Richtlinie erlaubt es uns, Rüstungshersteller in Deutschland zu finanzieren und auch alle Projekte, bei denen es um Lieferungen an die Verbündeten in der EU geht. Da die Unterstützung der Ukraine bei der Verteidigung gegen den Angriffskrieg Russlands erklärtes Ziel der Nato ist, können wir uns an der Verteidigungsfinanzierung auch beteiligen. Kontroverse Waffen wie Streubomben und Antipersonenminen werden wir dagegen weiterhin nicht finanzieren.
Ihre Richtlinie verbietet auch Geschäfte mit Atomwaffen. Würden Sie diesen Punkt überdenken, wenn Deutschland eines Tages einen Beitrag zu einem atomaren Schutzschirm in Europa leisten will oder muss?
Wenn es dazu kommen sollte, werden wir darüber ergebnisoffen debattieren. Bisher stellte sich diese Frage nicht.
Ihre Rüstungsoffensive dürfte in Berlin gut ankommen. Wollen Sie der Bundesregierung damit auch signalisieren, dass eine eigenständige Commerzbank wichtig für Deutschland ist und dass Sie gerne weiter politische Unterstützung hätten, um eine Übernahme der Commerzbank durch die italienische Großbank Unicredit zu verhindern?
Das ist kein taktisches Manöver und hat nichts mit Unicredit zu tun. Wir haben die Verteidigungsindustrie bisher schon finanziert. Übrigens: Im Unterschied zu vielen ausländischen Banken finanzieren wir nicht nur große Verteidigungsunternehmen, sondern auch die in der Lieferkette enorm wichtigen mittelständischen Zulieferer, die von einer zeitnahen Kreditentscheidung in Deutschland profitieren.
Welche Rolle spielt die Rüstungsfinanzierung bei der Weiterentwicklung der Commerzbank?
Wir haben im Februar im Rahmen unserer weiterentwickelten Strategie angekündigt, dass wir im Firmenkundengeschäft insgesamt stark wachsen und dort auch Personal aufbauen wollen. Wir sehen auch in den Bereichen grüne Infrastruktur, Technologie, Touristik, Medien und Telekommunikation großes Potenzial.
Unicredit hat vergangene Woche von der EZB die Genehmigung bekommen, ihren Anteil an der Commerzbank auf bis zu 29,9 Prozent aufzustocken. Unicredit-Chef Andrea Orcel will über eine mögliche Übernahme nun aber frühestens 2026 entscheiden. Wie geht die Commerzbank mit dieser Hängepartie um?
An der grundsätzlichen Situation ändert sich aus unserer Sicht nichts. Die Unicredit ist nach wie vor ein Aktionär der Commerzbank. Wir sind überzeugt von unserer Strategie, die auf profitables Wachstum und Wertsteigerung zielt, und arbeiten an der erfolgreichen Umsetzung. Und wie gesagt: Wir trauen uns zu, auch in einem schwachen wirtschaftlichen Umfeld zu wachsen. Unsere Ziele bis 2028 sind ambitioniert, aber realistisch.
Zurück zum Thema Verteidigung: Die Ratingagentur Morningstar warnt, Rüstungsfinanzierungen seien riskant, weil es sich oft um komplexe und langfristige Projekte handle, bei denen es hohe regulatorische und rechtliche Risiken gebe. Wie gehen Sie damit um?
Viele Rüstungsprojekte sind komplex und bergen Risiken, andererseits sind es staatliche Aufträge, das senkt das Risiko. Für uns ist entscheidend, dass wir die relevanten Risiken verstehen, begrenzen und beherrschen können, sonst lehnen wir eine Finanzierung ab.
Wenn man sich die Nachhaltigkeitskriterien Umwelt (Environment), Soziales (Social) und gute Unternehmensführung (Governance) - kurz ESG - ansieht, schneiden Rüstungsfinanzierungen in jedem Fall schlecht ab.
Die Herstellung und der Betrieb von Rüstungsgütern sind sehr energieintensiv, das ist richtig. Ich bin aber der Ansicht, dass die EU ihre Nachhaltigkeitsregeln anpassen sollte, um Rüstungsfinanzierungen entsprechend dem veränderten Bedarf zu ermöglichen. Es gibt inzwischen sehr viele Fonds, die in nachhaltige Anlagen investieren. Wenn wir die Regeln nicht anpassen, steht den Rüstungskonzernen diese wichtige Finanzierungsquelle nicht zur Verfügung. Das gilt besonders für mittelständische Unternehmen, die sich nicht über den Kapitalmarkt finanzieren, sondern ihre Banken benötigen.
US-Präsident Donald Trump und viele seiner Unterstützer halten nichts von den ESG-Regeln und dem Kampf gegen den Klimawandel. Hat das Auswirkungen darauf, wie die Commerzbank mit dem Thema umgeht?
Wir sind davon überzeugt, dass die Verhinderung und Reduktion von Treibhausgasen wichtig ist. Wir halten auch an unseren eigenen langfristigen Zielen fest, zum Beispiel, den CO2-Ausstoß in unserem Kredit- und Anlageportfolio bis 2050 auf netto null zu senken. Auf dem Weg zu diesem Ziel müssen wir aber eine höhere Volatilität akzeptieren. Angesichts geopolitischer Konflikte und neuer Technologien wird der CO2-Ausstoß nicht linear abnehmen.
Politiker und Aufsichtsbehörden in der EU haben angekündigt, den regulatorischen Aufwand für Banken und Unternehmen zu reduzieren, auch beim Thema Nachhaltigkeit. Spüren Sie davon schon etwas?
Vom Bürokratieabbau sehe ich bisher noch nichts. Während es Amerika bei der Deregulierung vielleicht etwas übertreibt, sind wir in Europa immer noch dabei, alles regulieren zu wollen. Gerade das Thema ESG ist überreguliert. Wir müssen von unseren Kunden große Mengen an Daten abfragen, die wir überwiegend nicht brauchen, und umfängliche Berichte schreiben, die kaum jemand liest. Diese Scheingenauigkeit bringt nichts. Wir müssen pragmatischer werden.
US-Präsident Trump sorgt nicht nur mit Deregulierung für Schlagzeilen, sondern auch mit Zöllen, zum Beispiel auf Aluminium und Stahl. Europa und andere Weltregionen reagieren mit Gegenzöllen. Welche Auswirkungen hat das auf die Commerzbank?
Deutschland als Exportnation und auch die Commerzbank als großer Exportfinanzierer profitieren sehr vom freien Güter- und Warenverkehr. Wenn Zölle erhoben und Mauern errichtet werden, schadet das uns allen. Zölle belasten nicht nur die Hersteller der betroffenen Produkte. Sie sorgen auch für Unsicherheit und reduzieren die Investitionsbereitschaft von Unternehmen.
Was heißt das für Ihr US-Geschäft?
Wir sind seit Langem in den USA verwurzelt und setzen dort auf weiteres Wachstum unseres Geschäfts mit Firmenkunden. Die Commerzbank hat bereits 1967 die erste Repräsentanz in New York eröffnet, diese wurde 1971 zur ersten Filiale einer deutschen Bank in den USA. Und die USA spielen eine große Rolle bei unserer aktuellen strategischen Ausrichtung.
Trump hat auch angekündigt, zeitnah für einen Waffenstillstand zwischen Russland und der Ukraine zu sorgen. In der Folge könnten auch die Sanktionen gegen Russland aufgehoben werden. Würde die Commerzbank in diesem Fall an ihrer Niederlassung in Russland festhalten und dort wieder Geschäft machen?
Wir haben die strategische Entscheidung getroffen, das Geschäft in Russland weitestmöglich zu reduzieren. Dies gilt unabhängig davon, ob es zu einem Waffenstillstand kommt oder ob Sanktionen aufgehoben werden. Ich gehe im Übrigen nicht davon aus, dass die EU und Großbritannien ihre Sanktionen aufheben würden, selbst wenn die USA das tun sollten.
Wie kommen Sie beim geplanten Ausstieg aus dem russischen Markt voran?
Wir haben unser Geschäft in Russland massiv reduziert. Ein Verkauf ist die beste Option. Aber das ist aufgrund der Sanktionen nicht trivial.
Die niederländische ING hat ihr Russlandgeschäft kürzlich mit Verlust veräußert. Unicredit-Chef Orcel will seine Russlandtochter dagegen nur verkaufen, wenn er für sie einen fairen Preis erhält. Welchen Ansatz verfolgen Sie?
Wir sind uns bewusst, dass man in Russland auf absehbare Zeit keinen angemessenen Verkaufspreis erzielen kann. Aktuell gibt es mehr Verkäufer als Käufer.
Lassen Sie uns noch über die Kreditrisiken in Deutschland sprechen, wo die Zahl der Insolvenzen steigt. Die Risikovorsorge ist bei Ihnen deshalb bereits im vergangenen Jahr um 20 Prozent gestiegen. Wie haben sich die Ausfälle in den ersten zweieinhalb Monaten 2025 entwickelt?
Wir erwarten im laufenden Jahr eine etwas höhere Risikovorsorge. Wir sehen nach wie vor keine Welle an Kreditausfällen oder ganze Branchen, die in Bedrängnis geraten. Aber es ist angesichts der aktuellen konjunkturellen Lage und der steigenden Arbeitslosigkeit klar, dass die Ausfallraten steigen werden.
Die Teambank und die DKB verzeichnen mehr Ausfälle von Konsumentenkrediten für Privatpersonen. Wie ist die Lage bei Ihnen?
Bei uns sind 2024 ebenfalls mehr Konsumentenkredite ausgefallen. 2025 rechne ich auch in diesem Bereich mit einer Zunahme. Der Konsumentenkredit ist das Erste, was ausfällt, wenn Menschen das Einkommen wegbricht, etwa wegen Arbeitslosigkeit. Ratenkredite machen aber nur einen kleinen Teil unseres Privatkundengeschäfts aus. Das Volumen liegt bei knapp drei Milliarden Euro, bei Baufinanzierungen sind es knapp 100 Milliarden Euro - und dort ist die Lage sehr stabil. Insofern können wir die höheren Ausfälle bei Konsumentenkrediten gut verkraften.